Lucas · Kapitel 3Zur Bibliothek
Kapitel 3

Lucas

Kontrollbesuch
Lucas · Kontrollbesuch

Der Vormittag war still. Über dem Meiler stieg der Rauch in gleichmäßigen, hellen Fäden empor, und zwischen den hohen Fichten lag jener schwere Duft aus Harz, Erde und Holzkohle, an den Lucas sich inzwischen gewöhnt hatte.

Er hatte gerade die Leiter an ihren Platz gestellt, als sich auf dem schmalen Waldweg zwei Gestalten zeigten.

Noch waren sie weit entfernt. Zwischen den Stämmen erschienen sie einmal deutlich und verschwanden im nächsten Augenblick wieder hinter jungen Fichten und dichtem Farn.

Lucas blieb stehen und legte eine Hand über die Augen.

Die beiden kamen näher.

Der Mann ging mit ruhigen, kräftigen Schritten. Neben ihm schritt eine Frau, deren Kleid selbst nach dem langen Weg durch den Wald noch ordentlich saß.

Da erkannte Lucas sie.

Ein Grinsen zog über sein rußverschmiertes Gesicht.

„Kontrollbesuch!“, rief er zur Hütte hinüber.

Max hob den Kopf.

„Wer kontrolliert uns denn?“

Lucas klopfte sich den Kohlestaub von der Hose. Die Bewegung machte ihn kaum sauberer.

„Meine Mutter und mein Vater.“

Max sah an sich hinunter. Sein Hemd war grau vom Staub, seine Hände waren schwarz, und im Gesicht lagen dunkle Spuren von Ruß und Schweiß.

Lucas bot keinen besseren Anblick.

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Lucas · Kontrollbesuch

„Dann ist es wirklich eine Kontrolle“, sagte Lucas.

Er kannte seine Mutter. Ordnung und Reinlichkeit waren ihr wichtig. Schon als Kind hatte er keinen Schritt in die Stube setzen dürfen, solange Erde an seinen Schuhen klebte.

Max strich sich mit einer rußgeschwärzten Hand über den Bart.

„Der Meiler ist sauberer als wir beide.“

Lucas lachte leise.

Seine Eltern erreichten den freien Platz vor der Holzhütte und blieben dort stehen.

Lucas’ Mutter sagte zunächst kein Wort.

Vor ihr standen zwei Männer.

Rechts ihr Vater. Links ihr Sohn.

So kannte sie die beiden nicht. Ihre Hemden waren grau, ihre Hände tiefschwarz, und selbst in den Haaren hatte sich feiner Kohlestaub festgesetzt. Nur ihre Augen leuchteten hell aus den dunklen Gesichtern hervor.

Einen Augenblick lang betrachtete sie beide schweigend.

Dann brach sie in herzliches Gelächter aus.

„Ach, ihr zwei!“, rief sie und schüttelte den Kopf. „Wo ist das Wasserfass? Ich muss euch erst einmal den Kopf waschen!“

Lucas lachte mit.

„Da wirst du eine Weile beschäftigt sein.“

Max deutete zum Fass neben der Hütte.

„Das Wasser wird schwarz, bevor wir sauber sind.“

Nun konnte auch Lucas’ Vater sein Schmunzeln nicht mehr verbergen.

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Lucas · Kontrollbesuch

Lucas und Max wuschen sich am Wasserfass das Gesicht und die Hände. Lucas tauchte den Kopf unter das kalte Wasser und fuhr sich kräftig durch die Haare. Ganz verschwinden wollte der Kohlestaub trotzdem nicht.

„Mehr schaffen wir heute nicht“, sagte er und richtete sich wieder auf.

Vor der Hütte stand der einfache Holztisch mit vier Stühlen.

Lucas’ Mutter betrachtete ihren Stuhl, strich mit den Fingern über die Sitzfläche und entdeckte einige Holzspäne und eine dünne Staubschicht. Sorgfältig fegte sie den Stuhl mit der Hand ab.

„So ist es besser“, sagte sie zufrieden und setzte sich.

Lucas und Max wechselten einen kurzen Blick.

Lucas ging in die Hütte, holte vier Gläser und einen großen Krug mit frischem Wasser. Er stellte alles auf den Tisch und schenkte jedem ein.

Sein Vater nahm einen tiefen Schluck.

„Das tut gut nach dem Weg.“

Da griff Lucas’ Mutter nach dem Weidenkorb, den sie mitgebracht hatte.

„Beinahe hätte ich das Wichtigste vergessen.“

Sie hob ein weißes Leinentuch an. Darunter kam ein goldbrauner Kuchen zum Vorschein.

Der Duft verbreitete sich sofort vor der Hütte.

Lucas’ Gesicht hellte sich auf.

„Den hast du für uns gebacken?“

„Für wen denn sonst? Ein wenig Abwechslung kann euch hier draußen nicht schaden.“

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Lucas · Kontrollbesuch

Sie schnitt den Kuchen in vier Stücke. Bald saßen sie gemütlich beisammen, tranken Wasser und aßen.

Lucas’ Mutter erzählte von den Neuigkeiten aus dem Dorf. Von einer Familie, die in das leer stehende Haus am Brunnen gezogen war, von einer beschädigten Brücke am Bach und von den Gesprächen der Leute auf dem Marktplatz.

Dann wandte sie sich Lucas zu.

„Auch beim Schlossermeister sieht es wieder besser aus.“

Lucas hielt mitten in der Bewegung inne.

„Bei meinem alten Meister?“

„Er hat wieder einige Aufträge bekommen. Nicht so viele wie früher, aber genug, dass er zuversichtlich in die Zukunft blickt.“

Lucas legte sein Kuchenstück auf den Teller.

„Hat er das selbst gesagt?“

„Ja. Und er hat nach dir gefragt.“

Lucas schwieg.

„Du sollst dich bei ihm melden, wenn du wieder einmal im Dorf bist. Er würde gern mit dir sprechen.“

Max saß ruhig neben ihm. Er sagte nichts, doch Lucas spürte seinen Blick.

Die Nachricht kam unerwartet. Lange hatte Lucas geglaubt, die Zeit in der Schlosserei sei endgültig vorbei. Nun schien sich eine Tür wieder einen Spaltbreit zu öffnen.

Er nahm sein Glas und trank.

„Ich werde hingehen“, sagte er schließlich.

Max nickte kaum merklich.

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Lucas · Kontrollbesuch

Eine Weile sprachen sie über die Arbeit im Dorf und über den Meiler. Lucas’ Vater stellte Fragen, und Max beantwortete sie mit wenigen, genauen Worten.

Dann wurde Lucas still.

Er drehte das Glas zwischen seinen Händen und sah seine Mutter an.

„Ist das Puppentheater wieder im Dorf?“

Seine Mutter wusste sofort, warum er fragte.

Sie schüttelte langsam den Kopf.

„Nein, Lucas. Dieses Jahr sind sie nicht gekommen.“

Lucas nickte und blickte zum Meiler hinüber.

„Ich habe nur gehört, dass sie in diesem Sommer weiter südlich unterwegs sein sollen“, fuhr sie fort. „Aber niemand weiß, wohin sie danach ziehen.“

Lucas antwortete nicht.

Unwillkürlich griff er unter sein Hemd. Seine Finger fanden die kleine geschnitzte Holzfigur an der Lederschnur.

Max bemerkte die Bewegung, schwieg aber.

Über den Baumwipfeln hatte sich der Himmel verändert. Von Westen schoben sich dunkle Wolken heran, und der Wind fuhr kräftiger durch die Fichten.

Lucas’ Vater sah nach oben.

„Wir sollten aufbrechen. Bis ins Dorf haben wir noch eine gute Stunde zu laufen.“

„Und ich möchte nicht völlig durchnässt ankommen“, ergänzte Lucas’ Mutter.

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Lucas · Kontrollbesuch

Alle erhoben sich. Lucas trug die Gläser und den Krug zurück in die Hütte, während seine Mutter den leeren Korb nahm.

Dann standen die vier vor der Hütte einander gegenüber.

Lucas’ Mutter sah zuerst ihren Vater an und danach ihren Sohn. Trotz der kurzen Wäsche trugen beide noch dunkle Spuren des Kohlestaubs im Gesicht und an den Händen.

Sie lächelte.

„Passt gut auf euch auf.“

Dann hob sie den Zeigefinger.

„Und denkt daran: Ab und zu mal waschen hat noch keinem geschadet.“

Lucas lachte.

„Wir geben uns Mühe.“

Max nickte trocken.

„Wenn der Meiler es erlaubt.“

Noch einmal lachten alle. Dann machten sich Lucas’ Eltern auf den Rückweg.

Lucas und Max sahen ihnen nach. Zwischen den hohen Fichten wurden die beiden Gestalten immer kleiner, bis sie hinter einer Wegbiegung verschwanden.

In der Ferne rollte der erste Donner über die Höhen des Schwarzwaldes.

Die ersten schweren Tropfen fielen auf das Dach der Holzhütte.

Max wandte sich zum Meiler.

„Komm, Lucas. Der Regen wartet nicht.“

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Lucas · Kontrollbesuch

Schweigend gingen sie hinüber. Jeder wusste, was zu tun war.

Sie prüften die Erdschicht, schlossen einige Zuglöcher und deckten die empfindlichen Stellen sorgfältig ab. Bald lag der Geruch von nasser Erde und Rauch über dem Köhlerplatz.

Als die Arbeit getan war, zog das Gewitter weiter. Der Regen wurde schwächer, und über den Baumwipfeln brach die Abendsonne noch einmal durch die Wolken.

Lucas blieb allein vor der Hütte stehen.

Die Nachricht vom Schlossermeister ging ihm durch den Kopf. Vielleicht gab es im Dorf wieder Arbeit für ihn. Vielleicht wartete dort ein Weg, den er längst verschlossen geglaubt hatte.

Doch seine Gedanken wanderten weiter.

Zum Puppentheater.

Zu Marie.

Er griff unter sein Hemd und nahm die kleine Holzfigur in die Hand. Das geschnitzte Holz war warm von seiner Haut.

„Wo magst du jetzt wohl sein, Marie?“, flüsterte er.

Der Wind strich durch die nassen Fichten und trug seine Worte davon.

Eine Antwort bekam er nicht.

Doch tief in seinem Herzen lebte die Hoffnung weiter, ihr eines Tages wiederzubegegnen.

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Ende des dritten Kapitels

Kontrollbesuch

Lucas steht vor einer neuen Entscheidung …