Lucas · Kapitel 2Zur Bibliothek
Kapitel 2

Lucas

Zwischen Traum und Wald
Lucas · Zwischen Traum und Wald

Die Hitze des Meilers steckte Lucas noch in den Gliedern. Jede Bewegung hatte Kraft gekostet.

Vor der Hütte ließ er sich auf den Boden sinken und lehnte den Rücken gegen die sonnengewärmten Balken. Aus dem Wald drang das leise Rauschen der hohen Fichten. Irgendwo hämmerte ein Specht. Der Duft von Harz, Rauch und frischem Holz lag in der Luft.

Seine Augen wurden schwer.

Langsam verschwammen die Konturen des Waldes, als lägen sie hinter einer milchigen Glasscheibe. Geräusche wurden leiser, Farben weicher.

Dann lichtete sich der Schleier.

Dort, weit entfernt auf einer sonnigen Wiese, stand Marie.

Ihr leicht rötliches Haar leuchtete im warmen Licht. Sie lächelte, als hätte sie nur auf ihn gewartet.

Lucas wollte ihren Namen rufen, doch seine Stimme blieb im Wind hängen.

Marie begann zu laufen.

Auch Lucas setzte sich in Bewegung. Mit jedem Schritt wurde der Abstand zwischen ihnen kleiner. Er rannte schneller, ohne die Müdigkeit in seinen Beinen zu spüren.

Dann erreichten sie sich.

Marie fiel ihm in die Arme. Lucas hielt sie fest, hob sie hoch und drehte sich mit ihr im Kreis. Ihr Lachen war so nah und so vertraut, dass für einen Augenblick nichts anderes mehr existierte.

1
Lucas · Zwischen Traum und Wald

Hand in Hand liefen sie weiter. Vor ihnen öffnete sich der Wald zu einer hellen Lichtung. Das Gras stand hoch und bewegte sich sanft im Wind.

Sie ließen sich nebeneinander ins weiche Grün sinken.

Marie legte den Kopf an seine Schulter.

Über ihnen zogen weiße Wolken durch einen tiefblauen Himmel. Lucas schloss die Augen. Endlich war sie wieder bei ihm.

Ein fester Stubs traf seine Schulter.

Lucas fuhr erschrocken hoch.

Vor ihm stand Max.

„Frühstück.“

Mehr sagte er nicht.

Lucas blinzelte. Die Lichtung war verschwunden. Statt Maries Haar sah er die dunklen Balken der Hütte, statt des blauen Himmels das vorspringende Dach.

Für einen kurzen Augenblick glaubte er noch, ihre Wärme in seinen Armen zu spüren.

Dann roch er Brot und dünnen Getreidebrei.

Max ging bereits zurück zum grob gezimmerten Tisch.

Lucas rieb sich über das Gesicht und folgte ihm.

Sie aßen schweigend.

Nach dem Frühstück kontrollierten sie gemeinsam den Meiler. Max ging langsam voraus. Sein Blick glitt über die Erdschicht, über jede kleine Unebenheit und jeden Rauchfaden.

2
Lucas · Zwischen Traum und Wald

Lucas folgte ihm und prüfte die Stellen, die sie am Vortag ausgebessert hatten.

Alles hielt.

Gegen Mittag rief der Eichelhäher vom Weg her.

Max hob den Kopf.

Kurz darauf war das Knarren von Rädern zu hören. Ein Pferd schnaubte zwischen den Bäumen.

Friedrich kam.

Sein Wagen war mit zwei Fässern, mehreren Säcken und einem geflochtenen Korb beladen. Langsam lenkte er das Pferd auf den freien Platz vor der Hütte.

„Ihr steht noch“, rief er.

Max sah ihn an.

„Du auch.“

Friedrich lachte und sprang vom Wagen.

Er war kaum kleiner als Max, aber breiter gebaut. Sein Gesicht war von Sonne und Arbeit gegerbt. In seinem Bart zeigten sich bereits graue Stellen.

Der Bauernhof von Friedrich lag östlich am Waldrand, dort, wo die dichten Fichten zurückwichen und Äcker, Wiesen und Weiden begannen.

Ihm gehörte auch ein großer Teil des Waldes.

Im vergangenen Winter hatten Friedrich und Max gemeinsam die Bäume gefällt, entastet und für den Meiler vorbereitet. Tagelang hatten ihre Äxte zwischen den Stämmen widergehallt.

3
Lucas · Zwischen Traum und Wald

Hinter Friedrichs Bauernhaus lag ein großer Bauerngarten. Dort wuchsen Kartoffeln, Karotten, Salat und Bohnen. Seine Frau pflegte die Beete sorgfältig und achtete darauf, dass auch für Max und Lucas etwas übrig blieb.

Alle zwei Tage brachte Friedrich frische Lebensmittel und Wasser zur Hütte.

Lucas nahm den Korb vom Wagen. Darin lagen ein Laib Brot, Karotten, Bohnen und zwei Köpfe Salat. Unter einem Tuch fand er ein Stück geräucherten Speck.

„Von meiner Frau“, sagte Friedrich. „Sie meint, ihr könnt von Rauch allein nicht leben.“

„Stimmt“, sagte Lucas.

Max nahm einen der Wassereimer.

Gemeinsam trugen sie die Vorräte in die Hütte.

Die Eimer mit frischem Wasser stellten sie an die kühle Nordwand. Das Brot kam auf ein Brett über dem Tisch. Kartoffeln und Karotten legte Lucas in eine Holzkiste. Die Bohnen und der Salat fanden ihren Platz auf dem unteren Regal.

Max hängte den Speck an einen Haken unter dem Dachbalken.

Alles hatte seinen festen Platz.

Während sie arbeiteten, kamen Friedrich und Max ins Gespräch.

Lucas hörte nur mit halbem Ohr zu. Die beiden kannten sich seit ihrer Kindheit. Sie hatten gemeinsam die Dorfschule besucht und damals mehr als einen Streich ausgeheckt.

4
Lucas · Zwischen Traum und Wald

„Weißt du noch, wie du dem Lehrer den Hut an die Decke genagelt hast?“, fragte Friedrich.

Max stellte den leeren Korb auf den Tisch.

„Du hast den Nagel gehalten.“

„Aber du hattest den Hammer.“

„Du hattest die Idee.“

Friedrich lachte laut.

Lucas sah zu seinem Großvater.

Max lächelte tatsächlich.

Nur ganz kurz.

Es fiel Lucas schwer, sich den schweigsamen Mann als Jungen vorzustellen, der im Dorf Streiche gespielt hatte. Doch Friedrich schien genügend Erinnerungen für sie beide zu besitzen.

Als alles sauber verstaut war, setzten sie sich vor die Hütte. Max reichte jedem einen Becher Wasser.

Eine Weile blickten sie schweigend zum Meiler.

Feiner Rauch stieg gleichmäßig aus seiner dunklen Oberfläche und zog zwischen die Fichten.

Friedrich drehte den Becher in seinen Händen.

„Zwei Wochen sind lang“, sagte er schließlich. „Haltet ihr beide das wirklich durch?“

Lucas sah zu ihm.

Friedrich deutete mit dem Kinn zum Meiler.

5
Lucas · Zwischen Traum und Wald

„Tag und Nacht aufpassen. Immer wieder prüfen. Wenn er zu viel Luft bekommt, verbrennt mir das Holz. Wenn er ausgeht, wird keine gute Kohle daraus.“

Max trank einen Schluck.

„Wir halten durch.“

„Auch der Junge?“

Lucas richtete sich auf.

„Ich sitze hier.“

Friedrich grinste.

„Das sehe ich.“

Max stellte den Becher ab.

„Der Meiler schläft nicht. Also schlafen wir nicht beide zugleich.“

Friedrich nickte langsam.

Er kannte seinen alten Schulfreund gut genug. Wenn Max etwas versprach, galt es.

Lucas ließ die beiden allein. Ihre Erinnerungen gehörten ihnen, und außerdem war es Zeit für einen weiteren Rundgang.

Er nahm den langen Holzstab und ging zum Meiler.

Langsam umrundete er den mächtigen Hügel. Er achtete auf Risse in der Erdschicht, auf ungewöhnlich dunkle Stellen und auf den Rauch, der aus den Zuglöchern trat.

An einer Stelle kniete er sich hin und strich mit der Hand über die Erde. Sie war warm, aber nicht heißer als zuvor.

Die Rauchfäden waren hell und gleichmäßig.

Alles war in Ordnung.

6
Lucas · Zwischen Traum und Wald

Lucas stellte den Stock an die Hütte und ging weiter in den Wald.

Schon nach wenigen Schritten wurde es kühler. Der Rauchgeruch blieb hinter ihm zurück und wurde vom Duft nach feuchter Erde, Moos und Fichtennadeln verdrängt.

Er ging zu dem alten Baumstamm, auf dem er in den vergangenen Tagen immer wieder gesessen hatte.

Das Holz war an einer Seite mit Moos überwachsen. Lucas ließ sich nieder und streckte die Beine aus.

Der Wald war still.

Nur das ferne Klopfen eines Spechts und das leise Rauschen der Kronen begleiteten ihn.

Dann bewegte sich etwas unter einer niedrigen Hecke.

Nur kurz.

Lucas hielt den Atem an.

Zwischen den Blättern erschien ein schmales Gesicht. Zwei bernsteinfarbene Augen sahen ihn an.

Ein Fuchs.

Noch klein. Vermutlich ein Jungtier, das zum ersten Mal allein auf Erkundungstour war.

Lucas und der Fuchs erstarrten gleichzeitig.

Keiner von beiden bewegte sich.

Das Tier reckte vorsichtig den Kopf hervor. Seine Ohren standen aufrecht. Die schwarze Nase zuckte, als prüfe es den fremden Geruch nach Mensch, Rauch und Kohle.

Lucas wagte kaum zu blinzeln.

7
Lucas · Zwischen Traum und Wald

So nah hatte er noch nie einen Fuchs gesehen.

Für einen langen Augenblick betrachteten sie einander.

Dann knackte irgendwo ein Ast.

Der Fuchs zuckte zusammen, machte einen schnellen Satz und verschwand lautlos zwischen Farnen und jungen Fichten.

Lucas blickte ihm nach.

Ein Lächeln lag auf seinem Gesicht.

Dann griff er unter sein Hemd.

Seine Finger fanden die kleine Holzfigur an der Lederschnur. Er umschloss sie fest.

Das Holz war von seiner Haut warm geworden.

Er strich mit dem Daumen über den kleinen Kopf, über das geschnitzte Haar und die Andeutung des Kleides.

In seiner Magengrube breitete sich wieder diese Sehnsucht aus.

Marie.

Der Traum war noch nicht ganz verblasst. Er sah ihr Lächeln vor sich, spürte beinahe wieder ihre Arme um seinen Hals und hörte ihr Lachen auf der Lichtung.

Lucas schloss die Augen.

„Wo bist du nur, Marie?“, flüsterte er.

Der Wald gab ihm keine Antwort.

Nur die Fichten rauschten hoch über ihm.

Ein Ruf durchbrach die Stille.

„Friedrich geht!“

8
Lucas · Zwischen Traum und Wald

Max’ Stimme.

Lucas öffnete die Augen.

Er ließ die Holzfigur langsam los. Sie glitt an der Lederschnur zurück unter sein Hemd.

Die Sehnsucht blieb.

Aber er musste zurück.

Lucas erhob sich, strich Tannennadeln von seiner Hose und ging zur Hütte.

Zwischen den Stämmen sah er Friedrich bereits am Wagen stehen. Max hielt das Pferd am Zaum.

Als Lucas den freien Platz erreichte, stieg Friedrich auf den Bock.

„In zwei Tagen komme ich wieder“, sagte er. „Bis dahin will ich den Meiler noch stehen sehen.“

Lucas legte eine Hand an den Wagen.

„Und uns?“

Friedrich grinste.

„Euch möglichst auch.“

Max gab dem Pferd einen leichten Klaps auf den Hals.

Der Wagen setzte sich knarrend in Bewegung.

Lucas und Max sahen ihm nach, bis er zwischen den Fichten verschwunden war.

Dann wurde es wieder still.

Max wandte sich zum Meiler.

„Rundgang.“

Lucas atmete tief durch.

Der Traum, der junge Fuchs und die Sehnsucht nach Marie mussten warten.

9
Lucas · Zwischen Traum und Wald

Der Meiler nicht.

Das Licht der untergehenden Sonne fiel zwischen die hohen Fichten und tauchte den Waldrand in warmes Gold. Der Rauch des Meilers stieg ruhig in den Abendhimmel.

Max und Lucas standen sich schweigend gegenüber.

Nach einer Weile trat Max einen Schritt näher. Er legte seine schwere Hand auf Lucas’ Schulter.

„Es ist eine verdammt harte Arbeit.“

Lucas nickte.

Max sah zum Meiler hinüber, aus dem gleichmäßig feine Rauchfäden aufstiegen.

„Aber wir beide schaffen das. Friedrich bekommt gute Holzkohle.“

Er schwieg einen Augenblick.

„Ich habe es ihm versprochen.“

Lucas erwiderte den Blick seines Großvaters. Langsam nickte er.

„Versprochen.“

Mehr musste nicht gesagt werden.

10

Ende des zweiten Kapitels

Zwischen Traum und Wald

Lucas’ Weg am Meiler geht weiter …