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Projekt Lucas · Das digitale BuchZur Bibliothek

Lucas

Ein Roman aus dem Nordschwarzwald
Hans-Jürgen Striegel
„Manche Feuer geben Wärme.
Andere erzählen Geschichten.“
Kapitel 1

Lucas

Der Meiler
Lucas · Der Meiler

Der Eichelhäher schrie.

Lucas hielt auf der kleinen Leiter inne und hob den Kopf. Ein zweiter Ruf kam von weiter unten am Hang. Kurz darauf flog der Vogel zwischen den dicht stehenden Fichten hindurch. Nur für einen Augenblick sah Lucas die hellen Abzeichen an seinen Flügeln.

Dann hatte der Wald ihn wieder verschluckt.

Lucas lauschte.

Die Eichelhäher entgingen kaum etwas. Max nannte sie die Wächter des Waldes. Kam ein Mensch zwischen den Bäumen den Hang herauf, wussten die Vögel meist lange vor ihnen davon.

„Weiter.“

Lucas blickte nach unten.

Sein Großvater stand am Fuß des Meilers und sah zu ihm herauf.

„Ich höre.“

„Dann hör beim Arbeiten.“

Lucas verzog den Mund und stieg die letzten Sprossen hinauf.

Die Leiter hatte Max aus zwei schmalen Fichtenstangen gebaut. Dazwischen saßen kurze, grob behauene Hölzer. Sie gab unter Lucas' Gewicht ein wenig nach.

„Das Ding bricht irgendwann.“

Max sah die Leiter an.

„Nein.“

Das war alles.

Sein Großvater Max war schon so gewesen, als Lucas noch ein kleiner Junge war. Wenige Worte. Keine langen Erklärungen. Wenn Max etwas sagte, hatte es einen Grund.

Lucas hatte früh gelernt, darauf zu hören.

Meistens jedenfalls.

Oben auf dem Meiler schlug ihm die Wärme entgegen.

Lucas richtete sich vorsichtig auf. Unter seinen Stiefeln arbeitete der Meiler. Er spürte es.

Tief in seinem Inneren glomm das Holz. Stamm an Stamm, Schicht um Schicht. Verborgen unter Fichtenreisig, Erde und schwarzem Kohlenstaub.

1
Lucas · Der Meiler

Seit drei Tagen wachten Max und er über den Meiler.

Am ersten Tag hatte Lucas noch geglaubt, es reiche, den Rauch zu beobachten.

Max hatte nur den Kopf geschüttelt.

„Hör hin.“

„Auf was?“

„Meiler.“

Lucas hatte auf eine weitere Erklärung gewartet.

Sie kam nicht.

Inzwischen begann er zu verstehen.

Er ging langsam über die gewölbte Fläche. Jeder Schritt war vorsichtig gesetzt. Max hatte ihm eingeschärft, niemals achtlos über einen Meiler zu gehen.

„Der trägt dich“, hatte er gesagt.

Dann hatte er eine Weile geschwiegen.

„Meistens.“

Damals hatte Lucas gelacht.

Jetzt nicht mehr.

Mit einem langen Stock prüfte er die Oberfläche. Er drückte hier gegen die Erde, stieß dort vorsichtig hinein.

An einer Stelle blieb er stehen.

Zu trocken.

Lucas beugte sich vor und stieß mit dem Stock in die Erdschicht.

Sofort quoll Rauch hervor.

„Hier!“

Max kam näher.

„Welche Farbe?“

Lucas kniff die Augen zusammen. Der Rauch biss.

„Grau.“

„Genau schauen.“

Lucas wischte sich mit dem Unterarm über die Stirn.

„Grau ist grau.“

„Nein.“

Lucas beugte sich tiefer.

Die Hitze kroch ihm unter das Hemd. Der Stoff klebte längst an seinem Rücken. Schweiß lief über seine Stirn und zog helle Spuren durch das kohleverschmierte Gesicht.

Ein Tropfen hing an seiner Nasenspitze.

Lucas wischte ihn fort.

„Bläulich.“

Max nickte.

„Schließen.“

Lucas zog den Stock heraus. Mit beiden Händen nahm er Erde auf und drückte sie in die Öffnung. Rauch quoll zwischen seinen Fingern hervor.

2
Lucas · Der Meiler

„Verdammt, ist das heiß.“

„Meiler.“

Lucas sah nach unten.

„Ich weiß, dass es ein Meiler ist.“

Max antwortete nicht.

Lucas schlug mit der flachen Hand auf die Erde.

Einmal.

Noch einmal.

Fester.

Der Rauch wurde dünner und verschwand schließlich.

Lucas richtete sich auf.

Sein Rücken schmerzte. Seine Hände waren schwarz. Unter den Fingernägeln saß der Kohlenstaub so tief, dass Lucas sich kaum noch daran erinnern konnte, wann sie zuletzt sauber gewesen waren.

Lucas der Schlosser.

Er musste beinahe lachen.

Mit vierzehn Jahren hatte er bei einem Schlossermeister seine Lehre begonnen. Eisen, Feuer, Hammer und Feile. Das war seine Welt gewesen.

Er hatte geglaubt, damit sein Leben zu verdienen.

Doch auch dort war die Arbeit weniger geworden. Erst waren die großen Aufträge ausgeblieben. Dann die kleinen.

Irgendwann hatte sein Meister vor ihm gestanden und lange auf seine Hände gesehen.

„Ich kann dich nicht mehr bezahlen.“

Lucas hatte nichts gesagt.

Was hätte er auch sagen sollen?

Nun stand er mitten in einem dunklen Fichtenwald auf einem qualmenden Berg aus Holz und Erde.

„Lucas.“

Er sah nach unten.

Max deutete auf seine Füße.

„Was?“

„Runter.“

„Warum?“

Max sah ihn nur an.

Lucas folgte seinem Blick.

Unter seinem rechten Stiefel zog sich ein schmaler Riss durch die Erdschicht.

Er machte einen schnellen Schritt zurück.

„Nicht springen!“

Zu spät.

Der Boden gab nach.

3
Lucas · Der Meiler

Lucas riss die Arme hoch. Sein rechtes Bein brach durch die Erdschicht und versank bis zum Knie im Meiler.

Hitze schlug ihm entgegen.

„Verdammt!“

Max war an der Leiter, bevor Lucas ein zweites Mal fluchen konnte.

„Nicht bewegen.“

Lucas bewegte sich nicht.

Wenn Max so sprach, bewegte man sich nicht.

Max stieg die ersten Sprossen hinauf.

„Gewicht nach links.“

Lucas verlagerte vorsichtig sein Gewicht.

„Langsam.“

„Ich mach langsam.“

„Nein.“

Lucas biss die Zähne zusammen.

Max packte ihn am Unterarm.

„Jetzt.“

Mit einem kräftigen Ruck zog Lucas sein Bein aus dem Loch. Er kroch über die Oberfläche zur Leiter und stieg hinunter.

Unten setzte er sich auf die Erde.

Max betrachtete sein Bein.

„Hose kaputt.“

Lucas sah an sich hinunter.

„Mein Bein ist fast gebraten und du siehst die Hose?“

Max prüfte den Stoff.

„Bein ist noch dran.“

Lucas sah ihn an.

Max ging zum Meiler und begann, die eingebrochene Stelle zu schließen.

Lucas musste lachen.

Er wusste selbst nicht warum.

Vielleicht vor Erleichterung.

Vielleicht wegen Max.

Eine Stunde später war die Arbeit getan.

Lucas zog sein Hemd vom Rücken. Der Stoff klebte an seiner Haut.

„Ich geh ein Stück.“

Max saß vor der Hütte und prüfte den Stiel einer kleinen Axt.

„Geh.“

Lucas warf sich das Hemd über die Schulter und ging zwischen die Fichten.

Schon nach wenigen Schritten wurde es kühler.

Der Meiler lag hinter ihm, doch der Geruch nach Rauch und Kohle hing noch immer an seiner Haut.

4
Lucas · Der Meiler

Die Fichten standen dicht. Stamm an Stamm. Hoch über Lucas schlossen sich ihre Kronen und nahmen dem Wald fast jedes Licht.

Neun von zehn Bäumen hier waren Fichten.

Vielleicht mehr.

Lucas kannte keinen Ort, an dem es selbst an einem Sommertag so dunkel sein konnte.

Er fuhr sich mit beiden Händen durch das feuchte Haar.

Harz.

Feuchte Erde.

Moos.

Kein Rauch.

Lucas atmete tief ein.

„Besser.“

Er ging weiter, bis er einen alten Baumstumpf fand. Die Rinde war längst abgefallen. Wind und Regen hatten das Holz grau werden lassen.

Lucas setzte sich.

Für einen Moment tat er nichts.

Das fiel ihm schwer.

Er stützte die Unterarme auf die Knie und sah zwischen die Fichten.

Da bewegte sich etwas.

Nur wenige Schritte vor ihm hüpfte ein kleiner Vogel auf einen niedrigen Ast.

Lucas blieb still.

Ein Rotkehlchen.

Der kleine Vogel legte den Kopf schief und betrachtete ihn.

„Was glotzt du?“

Das Rotkehlchen antwortete mit einem hellen Trällern.

Lucas lächelte.

„Dir geht's gut.“

Der Vogel sang weiter.

Leichte, fröhliche Töne erfüllten den dunklen Wald.

Lucas hörte zu.

Er wusste nicht, wann er das letzte Mal einfach nur dagesessen hatte.

Das Rotkehlchen hüpfte auf dem Ast ein Stück näher.

„Keine Angst vor mir?“

Der kleine Vogel legte wieder den Kopf schief.

Lucas grinste.

„Solltest du aber.“

In diesem Augenblick rauschte es über ihm.

Lucas duckte sich.

5
Lucas · Der Meiler

Eine schwarze Krähe flog dicht an seinem Kopf vorbei. Der Luftzug ihrer Flügel strich durch sein Haar.

„He!“

Lucas sprang auf.

Die Krähe verschwand zwischen den Fichten.

Vom Rotkehlchen war nichts mehr zu sehen.

Lucas blickte auf den leeren Ast.

„Na, großartig.“

Er wartete.

Nichts.

Kein Trällern.

Kein kleiner Vogel.

Lucas setzte sich wieder auf den Baumstumpf.

„Hättest ruhig noch bleiben können.“

Irgendwo im Wald rief ein Eichelhäher.

Lucas schüttelte den Kopf.

„Ihr habt sie doch nicht alle.“

Doch er lächelte noch immer.

Als Lucas zur Hütte zurückkam, stand Max am Meiler.

Der Rauch stieg ruhig auf.

Sein Großvater sah kurz zu ihm.

„Kühler?“

„Ja.“

Lucas setzte sich auf den Holzklotz vor der Hütte. Er griff in die Tasche seiner Hose und holte ein kleines Stück Buchenholz hervor.

Seit zwei Abenden arbeitete er daran.

Ein Kopf.

Ein schmaler Körper.

Die Andeutung eines Kleides.

Lucas nahm sein Messer.

Das Gesicht wollte ihm nicht gelingen.

Er setzte die Klinge an der kleinen Nase an. Ein feiner Span fiel zu Boden.

Noch einer.

Lucas drehte die Figur.

„Du siehst ihr nicht ähnlich.“

Max stand plötzlich neben ihm.

Lucas hatte seinen Großvater nicht kommen hören.

„Kannst du nicht einmal ein Geräusch machen?“

„Hab ich.“

„Wann?“

„Gerade.“

Lucas schüttelte den Kopf.

Max sah auf die kleine Figur in seiner Hand.

„Das Haar.“

Lucas hielt inne.

„Was ist damit?“

„Ist gut.“

Dann ging sein Großvater zur Hütte.

Lucas sah auf den kleinen Zopf.

Ja.

6
Lucas · Der Meiler

Das Haar war ihm gelungen.

Marie hatte es oft so getragen. Wenn die Sonne darauf fiel, bekam ihr Haar diesen leichten rötlichen Schimmer.

Lucas strich mit dem Daumen über das Holz.

Marie.

Seine erste Liebe.

Ein Jahr lang hatte Lucas geglaubt, das Leben hätte bereits entschieden, welchen Weg es mit ihm gehen wollte.

Mit Marie.

Sie waren jung gewesen. Vielleicht zu jung, wie manche im Dorf sagten.

Lucas hatte das nicht interessiert.

Sie hatten über eine gemeinsame Zukunft gesprochen. Nicht jeden Tag und nie mit großen Worten. Aber oft genug, dass Lucas irgendwann aufgehört hatte, sich ein Leben ohne sie vorzustellen.

Marie hatte ihn gebremst, wenn seine Ungeduld wieder einmal schneller gewesen war als sein Verstand.

Manchmal mit einem Wort.

Manchmal nur mit einem Blick aus ihren grünlichen Augen.

Dann war der Frühling gekommen.

Der große Holzwagen ihrer Familie stand wieder auf dem Platz im Dorf. Die hölzernen Puppen waren in Kisten verstaut. Die kleine Bühne war zusammengeklappt und an der Seite des Wagens befestigt.

Lucas hatte Marie gebeten zu bleiben.

Sie hatte bleiben wollen.

Doch ihr Vater hatte es nicht erlaubt.

Die Familie lebte vom Puppentheater.

Sie zogen von Ort zu Ort. Von Markt zu Markt. Das Dorf war für sie nur eine Station gewesen.

Für Lucas war es das nicht.

Das Puppentheater zog weiter.

Und Marie musste mit.

7
Lucas · Der Meiler

Lucas erinnerte sich noch an den Wagen, der langsam die Straße hinabgerollt war. Marie hatte hinten gestanden und sich nach ihm umgedreht.

Ihr rötliches Haar bewegte sich im Wind.

Lucas war dem Wagen noch ein Stück gefolgt.

Dann war er stehen geblieben.

Marie hatte die Hand gehoben.

Lucas auch.

Bis die Bäume den Wagen verschluckten.

Er hatte gewartet.

Wochenlang.

Monatelang.

Bei jedem fremden Wagen, der ins Dorf kam, hatte Lucas zur Straße gesehen.

Marie hatte einmal zu ihm gesagt:

„Du musst lernen zu warten.“

Lucas schloss die Hand um die kleine Holzfigur.

„Hab ich“, murmelte er.

Er nahm die dünne Lederschnur aus seiner Tasche. Oben in die Figur hatte er ein kleines Loch gebohrt. Lucas zog die Schnur hindurch und verknotete sie zweimal.

Dann hing er sich die Figur um den Hals.

Sie lag leicht auf seiner Brust.

Fast war sie nicht zu spüren.

Lucas schloss die Hand darum.

„Jetzt bleibst du hier.“

Über den Fichten rief der Eichelhäher.

Lucas hob den Kopf.

Diesmal kam der Ruf vom Weg.

8

Ende des ersten Kapitels

Der Meiler

Die Geschichte von Lucas geht weiter …