Lucas · Kapitel 9Zur Bibliothek
Federzeichnung: Lucas erklärt den Kohlenmeiler
Kapitel 9

Lucas

Ein ungewöhnlicher Plan
Lucas · Ein ungewöhnlicher Plan

Am nächsten Morgen lag noch kühler Nebel zwischen den Fichten, als Friedrich die Pferdekutsche vor seinem Bauernhaus bereitstellte.

Der Oberlehrer war früh gekommen.

Er trug seinen dunklen Mantel, den Hut und unter dem Arm eine feste Ledermappe.

„Darin sind doch hoffentlich keine Schulaufgaben“, sagte Friedrich und deutete auf die Mappe.

Johannes Keller lächelte.

„Nur einige Notizen. Ich möchte nichts Wichtiges vergessen.“

Friedrich schüttelte belustigt den Kopf.

„Max wird Ihnen schon sagen, was wichtig ist.“

Dann nahm er die Zügel auf.

Die Kutsche setzte sich knarrend in Bewegung und rollte auf den Waldweg hinaus.

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Lucas · Ein ungewöhnlicher Plan

Je tiefer sie in den Wald kamen, desto schmaler wurde der Weg.

Die Räder rumpelten über Wurzeln und lose Steine.

Feuchte Zweige strichen an den Seiten der Kutsche entlang.

Der Oberlehrer hielt seinen Hut fest, als das Pferd durch eine ausgefahrene Mulde stapfte.

„Diesen Weg gehen Lucas und Max regelmäßig zu Fuß?“

„Und oft mit einem schweren Sack auf dem Rücken“, antwortete Friedrich.

Eine Weile schwiegen beide.

Dann stieg zwischen den Baumstämmen ein dünner, bläulicher Rauchfaden empor.

Friedrich zeigte nach vorn.

„Dort ist der Meiler.“

Der Oberlehrer richtete sich auf. Seine Neugier war ihm deutlich anzusehen.

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Lucas hörte das Pferd lange, bevor die Kutsche auf der kleinen Lichtung erschien.

Er stand auf der Leiter und prüfte mit einer langen Stange die obere Schicht des Meilers.

Max arbeitete unten an einem Zugloch.

„Besuch“, sagte Lucas.

Max hob nur kurz den Kopf.

„Hab ich gehört.“

Friedrich lenkte die Kutsche neben die Holzhütte und brachte das Pferd zum Stehen.

Der Oberlehrer stieg vorsichtig ab.

Sein Blick wanderte sofort über die Lichtung, zur Hütte, zu den Holzstapeln und schließlich zu dem großen, dunkel gedeckten Meiler.

Der Rauch zog langsam zwischen den Fichten davon.

„Beeindruckend“, sagte er leise.

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Lucas stieg von der Leiter.

Kohlenstaub lag auf seinem Gesicht und an den Ärmeln seines Hemdes.

Friedrich begrüßte ihn mit einem kräftigen Schlag auf die Schulter.

„Du siehst aus, als hättest du im Rauch geschlafen.“

Lucas wischte mit dem Handrücken über die Stirn und machte den schwarzen Streifen nur breiter.

„Dann passe ich wenigstens hierher.“

Der Oberlehrer musste lachen.

Max kam langsam vom Meiler herüber.

Er reichte Friedrich die Hand und nickte dem Oberlehrer zu.

„Johannes Keller“, stellte dieser sich vor. „Oberlehrer im Dorf.“

„Max.“

Mehr schien für ihn zunächst nicht nötig zu sein.

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Friedrich kam ohne Umwege zur Sache.

„Der Oberlehrer möchte mit einigen Kindern euren Meiler besuchen.“

Max sah erst ihn, dann den Oberlehrer an.

Sein Gesicht blieb unbewegt.

„Wie viele?“

„Acht Schüler“, antwortete Keller. „Die älteren und zuverlässigeren.“

„Wie alt?“

„Zwischen elf und vierzehn Jahren.“

Max blickte zum Meiler.

„Kinder laufen gern dorthin, wo sie nicht laufen sollen.“

Der Oberlehrer nickte ernst.

„Darum werde ich sie vorher genau unterweisen. Niemand entfernt sich von der Gruppe.“

Max schwieg.

Lucas kannte dieses Schweigen. Max dachte nicht langsam. Er dachte gründlich.

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Schließlich deutete Max auf den Meiler.

„Die Kinder bleiben auf der Seite der Hütte.“

„Sie gehen nicht hinter den Meiler und nicht an die Zuglöcher.“

„Verstanden“, sagte der Oberlehrer.

„Keiner steigt auf die Leiter.“

„Natürlich nicht.“

„Und wenn der Wind ungünstig steht, kommen sie an einem anderen Tag.“

Der Oberlehrer wollte etwas erwidern, doch Friedrich hob unauffällig eine Hand.

Er wusste, dass mit Max nicht verhandelt wurde, wenn es um Sicherheit ging.

„Dann gilt es so“, sagte Keller.

Max nickte.

„Dann können sie kommen.“

Die Erleichterung des Oberlehrers war nicht zu übersehen.

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Der Oberlehrer öffnete seine Ledermappe und nahm ein Blatt Papier heraus.

„Ich habe einige Fragen vorbereitet.“

Lucas warf Friedrich einen kurzen Blick zu.

Friedrich kämpfte sichtbar gegen ein Grinsen.

„Wie lange brennt ein Meiler? Wie erkennt man, ob er richtig zieht? Welche Holzarten eignen sich am besten?“

Max hörte sich alles an.

„Das kann Lucas erklären.“

Lucas sah überrascht zu ihm.

„Ich?“

„Du arbeitest daran. Also kannst du darüber sprechen.“

„Du kannst das besser.“

Max schüttelte den Kopf.

„Ich rede weniger.“

Friedrich lachte so laut, dass selbst das Pferd die Ohren bewegte.

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Lucas · Ein ungewöhnlicher Plan

Der Oberlehrer wandte sich freundlich an Lucas.

„Die Kinder werden Ihnen sicher gern zuhören.“

Lucas mochte den Gedanken nicht.

Vor acht Schülern zu stehen und ihnen die Köhlerei zu erklären, erschien ihm schwieriger, als einen ganzen Tag Holz zu spalten.

„Ich bin kein Lehrer.“

„Das müssen Sie auch nicht sein“, sagte Keller. „Sie zeigen ihnen einfach Ihre Arbeit.“

Max trat neben Lucas.

„Sag ihnen, was du weißt.“

„Und wenn ich etwas nicht weiß?“

„Dann sagst du das auch.“

Lucas schwieg.

Es war eine Antwort, wie sie nur von Max kommen konnte.

Kurz, wahr und ohne jeden Ausweg.

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Lucas · Ein ungewöhnlicher Plan

Gemeinsam legten sie den kommenden Mittwoch als Besuchstag fest.

Die Kinder sollten am frühen Vormittag mit dem Oberlehrer am Bauernhof eintreffen.

Von dort wollte Friedrich sie mit dem Pferdewagen bis zur Lichtung bringen.

„Auf dem Wagen ist genug Platz, wenn alle ein wenig zusammenrücken“, sagte er.

Max bestimmte einen sicheren Bereich vor der Hütte.

Lucas sollte dort einige Holzstücke, Reisig, Erde und ein kleines Modell des Meilers bereitlegen.

„Ein Modell?“ fragte Lucas.

„Damit sie sehen, wie das Holz innen steht.“

Lucas betrachtete den Meiler.

Von außen wirkte er wie ein dunkler Erdhügel.

Was in seinem Inneren geschah, blieb tatsächlich verborgen.

„Das könnte funktionieren“, sagte er.

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Bevor Friedrich und der Oberlehrer wieder aufbrachen, führte Max den Gast in sicherem Abstand einmal um den Meiler.

Er zeigte ihm den Rauch und erklärte mit wenigen Worten, worauf er achtete.

Der Oberlehrer stellte seine vorbereiteten Fragen bald nicht mehr.

Er sah, hörte und roch.

Das genügte fürs Erste.

Als die Kutsche zwischen den Fichten verschwand, blieb Lucas vor der Hütte stehen.

„Acht Kinder“, murmelte er.

Max nahm die lange Stange wieder auf.

„Du warst auch einmal eins.“

„Aber kein einfaches.“

„Eben.“

Lucas musste lächeln.

Dann sah er zum Meiler und begann im Kopf bereits, die Arbeit für den Mittwoch zu ordnen.

Zum ersten Mal sollte er anderen erklären, was Max ihm beigebracht hatte.

Und plötzlich erschien ihm der kommende Besuch wichtiger, als er zugeben wollte.

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Ende des neunten Kapitels

Ein ungewöhnlicher Plan

Lucas bereitet sich auf seine erste Unterrichtsstunde am Kohlenmeiler vor …