Lucas · Kapitel 10Zur Bibliothek
Federzeichnung: Max und Lucas am Abend vor der Holzhütte und dem Kohlenmeiler
Kapitel 10

Lucas

Die letzten Tage am Meiler
Lucas · Die letzten Tage am Meiler

Im Dorf herrschte seit dem frühen Morgen eine ungewöhnliche Geschäftigkeit.

Nur noch zwei Wochen waren es bis zum jährlichen Dorffest.

Für die Menschen war dieser Tag einer der Höhepunkte des ganzen Jahres.

Familien kamen zusammen, Händler stellten ihre Waren aus, Musikanten spielten auf, und auf dem Marktplatz wurde bis in den Abend hinein gefeiert.

Vor den Fachwerkhäusern wurde gefegt und ausgebessert.

Zimmerleute begannen mit dem Bau der ersten Verkaufsstände. Der Bäcker plante zusätzliche Brote und Kuchen, während der Wirt Tische und Bänke vor seinem Gasthaus prüfen ließ.

Überall waren Hammerschläge, Stimmen und das Knarren schwerer Holzkarren zu hören.

Doch in diesem Jahr sollte das Dorffest nicht nur der Freude dienen.

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Lucas · Die letzten Tage am Meiler

Vor zwei Monaten hatte im Nachbardorf ein verheerendes Feuer gewütet.

Das trockene Holz der eng stehenden Fachwerkhäuser hatte den Flammen reichlich Nahrung gegeben.

Ein kräftiger Wind hatte Funken von einem Dach zum nächsten getragen.

Viele Häuser waren vollständig niedergebrannt, und mehrere Familien hatten fast alles verloren.

Seitdem sprachen auch die Bewohner von Lucas’ Heimatdorf darüber, wie schlecht sie selbst auf einen solchen Brand vorbereitet waren.

Am Dorffest wollten sie deshalb über die Gründung einer gemeinsamen Feuerwehr abstimmen.

Männer aus dem Dorf sollten künftig regelmäßig üben, Leitern, Ledereimer und Feuerhaken bereithalten und im Ernstfall schnell zusammenkommen.

Doch eine Feuerwehr allein würde nicht genügen.

Sie brauchte vor allem genügend Wasser.

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Als möglicher Standort für einen Löschweiher war der freie Platz hinter der Kirche vorgeschlagen worden.

Das Gelände lag etwas tiefer als die umliegenden Gassen. Dort sammelte sich nach starkem Regen ohnehin Wasser.

Bis zum Dorffest sollten die Bewohner überlegen, wie groß der Weiher werden musste und auf welche Weise er dauerhaft gefüllt werden konnte.

Auch die Sicherheit der Kinder durfte nicht vergessen werden.

Ein kräftiger Holzzaun sollte den gesamten Weiher umgeben.

Die Pfosten mussten tief in den Boden gesetzt werden, und ein breites Tor sollte mit stabilen eisernen Beschlägen versehen sein.

Im Brandfall musste es sich schnell öffnen lassen, im Alltag aber verhindern, dass spielende Kinder an das tiefe Wasser gelangten.

Der Bürgermeister hatte bewusst noch keinen endgültigen Beschluss verlangt.

Jeder sollte bis zum Dorffest seine Gedanken einbringen. Erst dann wollte das Dorf gemeinsam entscheiden.

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Am Brunnen sprachen an diesem Vormittag auch zwei junge Frauen über die vielen Neuigkeiten.

Katharina stellte ihren gefüllten Wasserkrug auf den steinernen Rand.

Barbara trat neben sie und strich sich eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Hast du gehört, dass Lucas noch immer bei Max am Kohlenmeiler ist?“

Katharina nickte.

„Und im Augenblick soll es dort recht ruhig sein.“

Barbara betrachtete sie von der Seite.

„Du willst doch nicht nur den Meiler sehen.“

Katharina musste lachen.

„Vielleicht möchte ich auch wissen, wie Lucas inzwischen geworden ist.“

Beide wussten, dass Marie vor langer Zeit mit dem fahrenden Puppentheater ihrer Familie fortgezogen war.

Seitdem hatte Lucas sich nur selten länger im Dorf aufgehalten.

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Die beiden Frauen beschlossen, in den kommenden Tagen einmal zum Kohlenmeiler zu gehen.

Sie wollten sich selbst ein Bild machen.

Nicht nur von Lucas, sondern auch von seinem Leben im Wald.

Vielleicht war er noch immer so ungeduldig und verschlossen, wie manche behaupteten.

Vielleicht hatte die Zeit bei Max ihn verändert.

Katharina hob ihren Wasserkrug an.

„Wir gehen nicht unangemeldet mitten in seine Arbeit hinein.“

Barbara lächelte.

„Natürlich nicht. Wir nehmen etwas zu essen mit. Dann sieht es wenigstens nach einem freundlichen Besuch aus.“

Mit diesem Plan gingen sie auseinander.

Noch ahnten sie nicht, dass am Meiler in den nächsten Tagen kaum eine ruhige Stunde bleiben würde.

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Zur Mittagszeit saßen Max und Lucas an ihrem schweren Holztisch vor der Hütte.

Zwischen ihnen lagen ein Laib Bauernbrot, geräucherter Speck, Käse und einige eingelegte Gurken.

Dazu tranken sie kühles Quellwasser aus irdenen Bechern.

Am Meiler war alles in Ordnung.

Ein dünner, bläulicher Rauchfaden stieg gleichmäßig empor und verlor sich zwischen den hohen Fichten.

Lucas legte sein Brot beiseite und sah zu dem dunklen Erdhügel hinüber.

„Heute verhält er sich friedlich.“

Max folgte seinem Blick.

„Er arbeitet, wie er arbeiten soll.“

Nach einer kurzen Pause sagte er: „Wenn alles so bleibt, beginnen wir in drei Tagen mit dem Löschen.“

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Lucas · Die letzten Tage am Meiler

Lucas blickte überrascht auf.

Obwohl er gewusst hatte, dass dieser Tag näher kam, erschien ihm das Ende plötzlich sehr nah.

Sein Blick wanderte über die Hütte, den Tisch, den Meiler und den schmalen Weg zwischen den Fichten.

Er dachte an die gemeinsame Zeit mit seinem Großvater.

An die Nachtwachen, die schweren Arbeiten und die stillen Stunden, in denen sie oft kaum ein Wort miteinander gesprochen hatten.

Das Leben im Wald war für ihn zu einer spannenden Geschichte geworden.

Er hatte gelernt, den Rauch des Meilers zu lesen, auf den Ruf des Eichelhähers zu achten und die vielen Stimmen des Waldes voneinander zu unterscheiden.

Diese Wochen würden bald vorüber sein.

Doch Lucas wusste schon jetzt, dass er sie niemals vergessen würde.

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Lucas · Die letzten Tage am Meiler

Er fing seine Gedanken schnell wieder ein.

Das Leben blieb nicht stehen, und vor ihm lag noch eine Zukunft, deren Weg er nicht kannte.

Unwillkürlich griff Lucas unter sein grobes Leinenhemd.

Seine Finger fanden die kleine geschnitzte Holzfigur an der Lederschnur.

Langsam strich sein Daumen über das glatte Holz.

Marie.

Die Figur erinnerte ihn an das, was hinter ihm lag, aber ebenso an das, was vielleicht noch vor ihm wartete.

Ein kaum sichtbares Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

Dann ließ er die Figur wieder unter das Hemd gleiten und richtete den Blick auf Max.

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Lucas · Die letzten Tage am Meiler

Auch Max sah man an, dass er nachdachte.

Sein Gesicht blieb ruhig, doch sein Blick ruhte lange auf dem Meiler.

Er wusste, dass sich diese gemeinsame Zeit ihrem Ende näherte.

Zugleich wusste er, wie viel Arbeit noch vor ihnen lag.

Der Meiler musste gelöscht, vorsichtig geöffnet und vollständig ausgeräumt werden.

Die fertige Holzkohle gehörte Friedrich, denn aus seinem Holz war sie entstanden.

Sie musste in starke Papiersäcke gefüllt und anschließend auf Friedrichs Wagen verladen werden.

Zu zweit würden Max und Lucas diese Arbeit nicht bewältigen.

„Wenn Friedrich morgen kommt, müssen wir mit ihm sprechen“, sagte Max.

„Er soll im Dorf nach einigen jungen Männern fragen, die kräftig mit anpacken können.“

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Lucas · Die letzten Tage am Meiler

Lucas nickte.

„Ich glaube, es werden sich genug melden. Viele wollen bestimmt sehen, was aus dem Holz geworden ist.“

„Neugier reicht nicht“, antwortete Max. „Sie müssen arbeiten wollen.“

Dann lächelte er leicht.

„Aber wir werden sie ordentlich verpflegen, und niemand soll für gute Arbeit mit leeren Händen heimgehen.“

Max stand auf und strich sich einige Brotkrumen von der Hose.

Seine Stimmung war zuversichtlich.

Für ihn war das nahende Ende keine Last.

Eine Arbeit wurde abgeschlossen, eine neue begann.

Und solange noch etwas zu tun war, gab es keinen Grund, lange über den Abschied nachzugrübeln.

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Lucas · Die letzten Tage am Meiler

Nach dem Mittagsvesper kontrollierten Max und Lucas den Meiler noch einmal gründlich.

Sie gingen langsam um ihn herum, prüften die Oberfläche und beobachteten den austretenden Rauch.

Max lauschte einen Moment und nickte zufrieden.

„Alles gut.“

Anschließend kümmerten sie sich um den Waldweg.

Am nächsten Morgen sollten sechs Schüler mit ihrem Oberlehrer kommen, um den Kohlenmeiler zu bestaunen und möglichst viel über die Köhlerei zu erfahren.

Lucas und Max räumten lose Äste zur Seite, schnitten Brombeerranken zurück und beseitigten Steine, über die eines der Kinder stolpern konnte.

Es sollte eine aktive Unterrichtsstunde werden.

Die Schüler sollten beobachten, riechen, Fragen stellen und selbst überlegen.

Der Oberlehrer kannte seine Schüler und würde eingreifen, falls einer von ihnen zu übermütig wurde.

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Lucas · Die letzten Tage am Meiler

Als der Weg ordentlich genug war, blieben Max und Lucas vor der Hütte stehen.

„Draußen wären wir fertig“, sagte Lucas.

Max öffnete die Tür.

Im Inneren lagen Werkzeuge auf dem Tisch, Decken auf der Bank und Arbeitskleidung in einer Ecke.

„Dann ist jetzt die Hütte an der Reihe.“

Sie hängten die Werkzeuge an ihren Platz, legten die Decken zusammen und füllten die Wasserkrüge frisch auf.

Lucas fegte den Boden mit dem Reisigbesen.

Die Hütte musste nicht glänzen.

Sie blieb eine Köhlerhütte, in der gearbeitet, gegessen und geschlafen wurde.

Aber am Ende war sie so sauber und ordentlich, wie zwei Männer es eben für richtig hielten.

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Lucas · Die letzten Tage am Meiler

Am Abend saßen Max und Lucas noch eine Weile gemeinsam vor der Hütte.

Der Tag war ruhig und erfolgreich gewesen.

Der Weg war frei, die Hütte aufgeräumt und der Meiler arbeitete gleichmäßig weiter.

Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.

Lucas dachte an die sechs Kinder und an die vielen Fragen, die sie vermutlich stellen würden.

Max dachte an die letzten Tage des Meilers, an das Löschen und an die schwere Arbeit danach.

Trotzdem waren beide zufrieden.

Sie hatten getan, was an diesem Tag getan werden musste.

Über den Wipfeln wurde der Himmel langsam dunkler, und zwischen den Fichten erschien der erste Stern.

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Lucas · Die letzten Tage am Meiler

Schließlich erhob sich Max.

Er nahm die Laterne, setzte seinen Hut auf und griff nach der langen Meilerstange.

„Ich übernehme die erste Wache.“

Lucas stand ebenfalls auf.

„Dann weckst du mich später.“

Max legte ihm kurz die Hand auf die Schulter.

„Schlaf erst einmal. Morgen wird ein besonderer Tag.“

Lucas ging in die Hütte und legte sich auf sein Strohlager.

Durch das kleine Fenster sah er den schwachen Schein von Max’ Laterne, die sich langsam um den Meiler bewegte.

Der Wald war still.

Nur das leise Knistern des Kohlenmeilers und das ferne Rufen eines Käuzchens begleiteten Max durch die erste Nachtwache.

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Ende des zehnten Kapitels

Die letzten Tage am Meiler

Während Max die erste Wache übernimmt, wartet auf Lucas ein besonderer Morgen …