Lucas · Kapitel 5Zur Bibliothek
Federzeichnung: Friedrich kommt mit seinem Pferd und einem kleinen Hänger zur Holzhütte am Kohlemeiler
Kapitel 5

Lucas

Besuch am Meiler
Lucas · Besuch am Meiler

Der Meiler brannte nun schon seit mehreren Tagen.

Max und Lucas hatten sich an seinen gleichmäßigen Rauch gewöhnt, ohne ihn deshalb aus den Augen zu lassen. Immer wieder gingen sie um den dunklen Hügel, prüften die Decke und achteten auf jede Veränderung.

Am späten Vormittag rief der Eichelhäher vom Waldweg her.

Lucas hob den Kopf.

„Jemand kommt.“

Max lauschte einen Augenblick.

„Ein Pferd.“

Kurz darauf war das Knarren von Rädern zu hören. Zwischen den Fichten erschien Friedrich. Er führte seinen Braunen am Zügel. Hinter dem Pferd rollte ein kleiner Hänger über den unebenen Weg.

„Da seid ihr ja“, rief er.

Lucas ging ihm entgegen.

Auf dem Hänger standen ein Fass mit frischem Wasser, mehrere Laibe Bauernbrot und einige lange Bretter.

Friedrich strich seinem Pferd über den Hals.

„Das Wasser wird euch guttun. Und Brot kann man hier draußen nie genug haben.“

Max deutete auf die Bretter.

„Die sind nicht für den Meiler.“

„Nein“, sagte Friedrich. „Die sind für euer Dach.“

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Lucas · Besuch am Meiler

Friedrich stellte sich vor die Hütte und blickte nach oben.

„Beim letzten Regen ist das Wasser an der hinteren Wand heruntergelaufen. Das Dach hält nicht mehr überall dicht.“

Max musterte die Schindeln und Bretter lange.

„Ein paar Stellen sind mürbe.“

Er holte Hammer, Nägel und sein Werkzeug aus der Hütte. Dann stellte Lucas die Leiter an die Wand.

Obwohl Max nicht mehr jung war, stieg er ohne Mühe hinauf. Seine Bewegungen waren sicher und schnell, als hätte er nie etwas anderes getan.

Lucas hielt die Leiter fest und sah zu ihm auf.

„Du bist noch beweglicher als mancher Geselle.“

Max antwortete nicht. Er kniete bereits auf dem Dach und prüfte ein Brett nach dem anderen.

Friedrich reichte Lucas das erste neue Brett.

„Dann sind wir heute wohl die Handlanger.“

Lucas grinste.

„Das werden wir überleben.“

Sie reichten Max Bretter, Nägel und Werkzeug hinauf. Max arbeitete ruhig und ohne Hast. Jeder Schlag des Hammers saß.

Man merkte, dass er Zimmermann gewesen war. Seine Hände wussten noch immer genau, was zu tun war.

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Lucas · Besuch am Meiler

Nach einiger Zeit löste Max ein angefaultes Brett und ließ es vorsichtig nach unten gleiten.

„Noch eines“, sagte er.

Lucas hob ein neues Brett an, Friedrich half ihm dabei. Gemeinsam reichten sie es nach oben.

Max passte es ein, prüfte die Kante und schlug die Nägel ein.

Als das letzte Brett saß, ging er noch einmal über das ganze Dach. Er drückte gegen die alten Stellen, hob einzelne Schindeln an und betrachtete die Anschlüsse am Ofenrohr.

Dann stieg er langsam die Leiter hinunter.

Friedrich sah zum Dach hinauf.

„Und?“

Max wischte sich die Hände an der Hose ab.

„Ich habe das gesamte Dach kontrolliert. Sieht noch gut aus. Es waren nur ein paar Bretter auszutauschen.“

Friedrich nickte zufrieden.

„Dann hält es wieder.“

„Ja.“

Mehr sagte Max nicht.

Doch Friedrich wusste, was dieses kurze Wort bedeutete. Wenn Max sagte, dass das Dach hielt, dann hielt es.

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Lucas · Besuch am Meiler

Nachdem das Werkzeug aufgeräumt war, setzten sich die drei Männer an den Holztisch vor der Hütte.

Lucas füllte die Becher mit frischem Wasser.

Eine Weile sagte keiner etwas. Aus den Fichten war das Hämmern eines Spechts zu hören.

Friedrich trank einen langen Schluck und stellte den Becher auf den Tisch.

„Im Dorf gibt es Neuigkeiten.“

Max hob den Blick.

„So?“

„Eine große Zehntscheuer soll gebaut werden.“

Lucas sah ihn an.

„Die alte reicht nicht mehr?“

„Schon lange nicht mehr. Die neue soll nicht nur für die Abgaben sein. Man braucht mehr Platz für Stroh, Heu und Kartoffeln.“

Max nickte langsam.

„Dann braucht sie einen starken Dachstuhl.“

„Und große Tore“, sagte Friedrich. „Damit auch ein beladener Wagen hineinfahren kann.“

Er sah Max an.

„Als ich davon hörte, musste ich an dich denken.“

Max runzelte die Stirn.

„An mich?“

„Es gibt nicht viele, die einen solchen Dachstuhl sauber abbinden können.“

Max nahm seinen Becher.

„Das ist lange her.“

Friedrich schüttelte den Kopf.

„Ein gutes Handwerk rostet nicht.“

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Lucas · Besuch am Meiler

Nach der Pause standen sie auf und gingen gemeinsam zum Meiler.

Friedrich wollte sehen, wie weit die Verkohlung vorangekommen war.

Max begann wie immer an derselben Seite. Er legte die Hand auf die Erddecke, betrachtete den Rauch und ging langsam weiter.

Lucas prüfte die nächste Stelle selbst.

„Hier arbeitet er ruhig“, sagte er.

Max nickte.

Friedrich sah von einem zum anderen.

„Vor einiger Zeit wäre Rauch für dich einfach nur Rauch gewesen.“

Lucas lächelte.

„Das war er auch.“

Sie umrundeten den Meiler. Nirgends war eine gefährliche Einsenkung zu sehen. Die Decke war geschlossen, und der Rauch stieg gleichmäßig auf.

Plötzlich blieb Lucas stehen.

„Friedrich.“

„Was ist?“

Lucas zeigte zwischen die Bäume.

Der Braune hatte sich losgemacht. Langsam ging er über den Waldboden, blieb auf einer kleinen grasigen Stelle stehen und begann zu fressen.

Friedrich musste lachen.

„Der hat sich seine Pause selbst genommen.“

Max sah zu dem Pferd.

„Lass ihn. Er läuft nicht fort.“

Der Braune hob kurz den Kopf, kaute weiter und senkte ihn wieder ins Gras.

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Lucas · Besuch am Meiler

Gemeinsam gingen sie zur Holzhütte zurück.

Friedrich blieb in der offenen Tür stehen und warf einen prüfenden Blick hinein. Er sah die Pritschen, den kleinen Ofen, das wenige Geschirr und die Leinentücher, die über einer Stange hingen.

Er nahm eines der Tücher in die Hand und hielt es hoch.

„Ich bringe übermorgen zwei frische Tücher mit. Die hier sind ja schwarz.“

Lucas musste lächeln.

Sofort erinnerte er sich an die Worte seiner Mutter und an ihr herzliches Lachen, als sie ihn und Max völlig mit Ruß bedeckt gesehen hatte.

Max bemerkte sein Lächeln.

„Woran denkst du?“

„An meine Mutter.“

Max nickte.

Friedrich legte das schwarze Tuch zurück.

„Dann sorge ich besser dafür, dass sie beim nächsten Besuch etwas Sauberes findet.“

Als sie wieder vor die Hütte traten, war das Pferd von seinem kleinen Ausflug zurückgekehrt. Es stand ruhig neben dem Hänger.

Friedrich strich ihm über den Hals und band es wieder fest.

„So. Jetzt bleibst du hier.“

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Lucas · Besuch am Meiler

Friedrich prüfte den Knoten und nahm die Leinen auf.

„Ich muss wieder los. Auf dem Hof wartet noch genug Arbeit.“

Er reichte Max und Lucas die Hand.

„Passt auf euch auf.“

Sein Blick ging noch einmal zum Meiler.

„Und sorgt dafür, dass aus meinem Holz gute Holzkohle wird.“

Max sah zum gleichmäßig aufsteigenden Rauch.

„Darauf kannst du dich verlassen.“

Friedrich stieg auf den Hänger und gab dem Braunen ein leises Zeichen. Langsam setzte sich das Gespann in Bewegung.

Die Räder knarrten über den Waldweg, bis Pferd und Hänger zwischen den Fichten verschwunden waren.

Lucas blickte ihnen nach.

Max nahm bereits den langen Holzstab.

„Wir müssen nach den Zuglöchern sehen.“

Gemeinsam gingen sie zum Meiler.

Ein dünner Rauchfaden stieg aus dem ersten Loch. Max kniete sich nieder und betrachtete die Öffnung.

„Die Zuglöcher geben ihm Luft“, sagte er. „Aber nie mehr, als er braucht.“

Lucas prüfte das nächste Loch selbst, räumte etwas lockere Erde zur Seite und beobachtete den Rauch.

„Hier stimmt es.“

Max nickte.

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Lucas · Besuch am Meiler

Langsam gingen sie von Zugloch zu Zugloch.

Für einen Außenstehenden mochten sie alle gleich aussehen. Doch Lucas begann, die kleinen Unterschiede zu erkennen.

An einer Stelle schob er etwas Erde näher an die Öffnung. An einer anderen ließ er alles unverändert.

Nachdem sie den Meiler vollständig umrundet hatten, blieb Max stehen.

Er legte die Hand auf die warme Decke und sah zum Rauch hinauf.

„Wenn das Wetter hält und wir weiter sorgfältig arbeiten, bekommen wir beste Holzkohle.“

Lucas lächelte.

„Dann wird sich Friedrich freuen.“

„Nicht nur Friedrich. Gute Holzkohle erkennt ein Schmied am Feuer.“

Lucas blickte noch einmal auf den Meiler.

Der Gedanke gefiel ihm.

Früher hatte er am Amboss gestanden und die Glut gebraucht. Nun lernte er, wie das Brennmaterial entstand, das ein solches Feuer erst möglich machte.

Beide Wege gehörten zusammen.

8
Lucas · Besuch am Meiler

Am Abend senkte sich die Sonne hinter die hohen Fichten.

Lucas stellte Brot, etwas Speck, Käse und zwei Zwiebeln auf den Tisch vor der Hütte. Dazu füllte er die Becher mit frischem Wasser.

Max setzte sich auf die Bank.

„Lass es uns schmecken.“

Mehr Worte brauchte es nicht.

Eine Weile aßen sie schweigend. Das leise Knacken des Meilers und das Rauschen des Windes begleiteten sie.

Schließlich legte Lucas das Brot beiseite.

„Heute war ein guter Tag.“

Max nickte.

„Das Dach ist dicht. Der Meiler arbeitet ruhig.“

Lucas sah hinüber zu dem dunklen Hügel.

Im Abendlicht wirkte er beinahe wie ein schlafendes Tier.

„Und wir werden beste Holzkohle bekommen.“

Max nahm noch einen Schluck Wasser.

„Ja.“

Über den Baumwipfeln erschien der erste Stern.

Vor der Hütte saßen zwei Männer an einem einfachen Tisch. Hinter ihnen stand ein wieder dichtes Dach. Vor ihnen arbeitete der Meiler still durch die Nacht.

9

Ende des fünften Kapitels

Besuch am Meiler

Ein arbeitsreicher Tag findet in aller Ruhe seinen Abschluss …